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Physiotherapie und Mental Health: zu gesund für die Psychiatrie, zu komplex für die Physiotherapie?

«No health - without mental health AND physical health.» - Die Zusammenhänge zwischen körperlicher und psychischer Gesundheit, sowie der Einfluss des körperlichen Trainings auf dieselben, sind bekannt (Stubbs & Rosenbaum, 2018). Physiotherapeutinnen und -therapeuten können in dem Bereich Mental Health eine wichtige Rolle einnehmen. Wo genau liegen die Potenziale aber auch Herausforderungen? Von Dres. Maurizio Trippolini und Emanuel Brunner

Psychische Probleme und Erkrankungen treten häufig im Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden auf. Bei Schmerzen am Bewegungsapparat wird die Genesung massgeblich durch psychologische Faktoren beeinflusst. Zudem leiden Personen mit chronischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Herz- oder Lungenkrankheiten, Diabetes oder chronische Rückenschmerzen, sehr häufig auch an einer psychischen Komorbidität. Aber auch Patientinnen und Patienten mit Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie sind oft von körperlichen Krankheiten betroffen. Obwohl genaue Zahlen in der Schweiz rar sind, wurden gemäss einem OBSAN-Bericht aus dem Jahr 2016 bei 11,4 % aller Akutsomatik-Fälle neben einer somatischen Grunderkrankung zusätzlich mindestens eine psychische Störung, eine sogenannte F-Nebendiagnose, diagnostiziert (n=123 230). Patientinnen und Patienten mit einer psychischen Komorbidität hatten dabei gegenüber den Fällen ohne psychische Komorbidität eine fast doppelt so hohe Aufenthaltsdauer im Spital (9,6 % vs. 5,1 %), eine erhöhte Re-Hospitalisationsrate (4,9 % vs. 2,5 %), sowie eine erhöhte Mortalitätsrate (3,8 % vs. 1,7 %) (Tuch, 2018). Aufgrund der offensichtlichen Zusammenhänge zwischen der mentalen und körperlichen Gesundheit ist eine integrierte Grundversorgung respektive die frühzeitige und gleichzeitige Behandlung sowohl psychischer wie auch körperlicher Beschwerden von grösster Bedeutung.

 

Körperliches Training wirkt – auch bei Patientinnen und Patienten mit psychischen Problemen und Erkrankungen

Eine Analyse, basierend auf Daten von mehr als 260 000 Personen, hat gezeigt, dass ein regelmässiges physisches Training einen schützenden Effekt auf die Entstehung von Depressionen hat (Schuch et al, 2018). Zudem verstärkt körperliches Training die Wirkung von psychologischen und pharmakologischen Behandlungen von psychischen Krankheiten (Stubbs & Rosenbaum, 2018). Entsprechend der Bedeutung physischer Aktivität im Bereich Mental Health lautete der Slogan des Weltverbands für Physiotherapie zum Tag der Physiotherapie 2018: «Physical therapy and mental health: demonstrating the role that physical therapy and physical activity has in mental health.»

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Basierend auf eiener frei verfügbaren Grafik der World Confederation for Physical Therapy.

 

 

Der Zugang zu körperlichen Aktivitäten ist für Menschen mit psychischen Problemen nach wie vor ungenügend und sie benötigen meist Unterstützung für eine körperlich aktive Lebensführung. Personen mit Depressions- und Angststörungen, bipolaren Störungen, Schizophrenie oder posttraumatischen Belastungsstörungen sind im Alltag auch weniger aktiv als die Normalbevölkerung und haben Schwierigkeiten, sich mit einer erhöhten Intensität körperlich zu betätigen (Dandona, 2019).

 

Physiotherapie: Mehr als körperliches Training

Physiotherapeutinnen und -therapeuten unterstützen Patientinnen und Patienten bei der Überwindung von Barrieren zur physischen Aktivität und bei der Entwicklung von individuellen Strategien für eine aktive und gesunde Lebensbewältigung. Physiotherapie im Bereich Mental Health ist mehr als nur körperliches Training. Physiotherapeutinnen und -therapeuten nutzen körperorientierte Strategien zur Veränderung von Gedanken, Emotionen und Verhaltensmustern, die meist im Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden stehen (Probst & Skjaerven, 2018). Die Physiotherapie beinhaltet dann auch Entspannungstechniken zur Stress- und Spannungsregulierung oder verhaltenstherapie-basierte Techniken zur Erarbeitung von Strategien im Umgang mit psychischen und körperlichen Beschwerden. Dank körperlichen Erfahrungen kann die Physiotherapie den Zugang zu mentalen Prozessen erleichtern und das Verständnis von Zusammenhängen zwischen psychologischen und körperlichen Faktoren verbessern. Dadurch können betroffene Personen die Kontrollierbarkeit der Beschwerden verbessern und ihre Lebensqualität erhöhen.

 

Potenziale und Herausforderungen

Menschen mit einer psychisch-somatischen Komorbidität werden in der Gesundheitsversorgung oftmals von dem Gefühl begleitet, nicht ins System zu passen. Die komplexen psychologischen Probleme können die Möglichkeiten der Grundversorgung überfordern, und die somatischen Diagnosen erklären die Beschwerden der betroffenen Person oftmals nicht oder nur ungenügend. Gleichzeitig fühlen sich viele Patientinnen und Patienten zu «gesund» für die Psychiatrie, oder haben Vorurteile gegenüber einer psychologischen Behandlung. Die Physiotherapie kann eine wichtige Brücke bauen zwischen der psychiatrischen und somatischen Versorgung: Sie ist für eine breite Bevölkerungsschicht in der Grundversorgung leicht zugänglich, da sie - sofern ärztlich verordnet – auch über der Grundversicherung vergütet wird. Zudem ist für viele Menschen der Schritt zur Physiotherapie einfacher als dieser in die psychiatrische Versorgung. Das Potenzial der Physiotherapie sollte genutzt werden.

 

Die Behandlung von Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen erfordert spezifische Kompetenzen. Die Resultate von zwei Reviews konnte nachweisen, dass spezifische Mental-Health-Kompetenzen von Fachpersonen die Teilnahme an einem Bewegungsprogramm, die sogenannte Adhärenz positiv beeinfluss (Vancmpfort et al, 2016; Stubbs et al, 2016). Entsprechend sollten Physiotherapeutinnen und -therapeuten angemessen auf die zahlreichen Herausforderungen im Zusammenhang mit psychischen Problemen oder Erkrankungen in der klinischen Praxis vorbereitet werden.

 

Physiotherapie und Mental Health an der BFH

Die Berner Fachhochschule BFH hat die Potenziale und die Herausforderungen der Physiotherapie im Bereich Mental Health erkannt. So werden im 3. Jahr des Bachelor-Studiums Physiotherapie im Modul «Schmerz und Psychiatrie» wichtige Kompetenzen für die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit psychischen Problemen in der Grundversorgung vermittelt. Ab 2020 bietet die BFH spezialisierte Weiterbildungsangebote im Bereich «Physiotherapie und Mental Health» an, die sie in Zusammenarbeit mit Praxispartnern, der Schweizer Arbeitsgruppe für Physiotherapie in der Psychosomatik und Psychiatrie (SAG PPP) und der International Organisation of Physical Therapists in Mental Health (IOPTMH) entwickelt hat.

 

Dr. Maurizio Trippolini

Dozent

Physiotherapie

maurizio.trippolini@bfh.ch

 

Dr. Emanuel Brunner

Physiotherapeut, klinischer Spezialist Schmerz

Kantonsspital Winterthur

emanuel.brunner@ksw.ch


Tagung im November 2019 - Podcasts und Erfahrungsberichte

Hier stellen wir Euch Podcasts und Erfahrungsberichte zur Tagung zum Thema Physiotherapie und Mental Healt an der BFH zur Verfügung.


Weiterbildung Physiotherapie und Mental Health an der BFH

  • P4P Physiotherapie und Mental Health – Basic
  • P4P Physiotherapie und Mental Health – Advanced
  • CAS Psychosomatik (interdisziplinär)

Weitere Informationen: bfh.ch/weiterbildung/physiotherapie


Literaturverzeichnis

  • Dandona, R. (2019). Mind and body go together: the need for integrated care. Lancet Psychiatry, 6(8), 638-639.
  • Probst, M. and L. Helvik Skjaerven, Physiotherapy in Mental Health and Psychiatry: a scientific and clinical based approach. 2017: Elsevier.
  • Schuch, F.B., Vancampfort, D., Firth, J., Rosenbaum, S., Ward, P.B., Silva, E.S., Hallgren, M., Ponce De Leon, A., Dunn, A.L., Deslandes, A.C., Fleck, M.P., Carvalho, A.F., Stubbs, B. (2018). Physical Activity and Incident Depression: A Meta-Analysis of Prospective Cohort Studies. Am J Psychiatry, 175(7), 631-648.
  • Stubbs, B. & Rosenbaum, S. (2018). Exercise-Based Interventions for Mental Illness: Physical Activity as Part of Clinical Treatment. London: Elsevier.
  • Stubbs, B., Rosenbaum, S., Vancampfort, D., Ward, P.B., Schuch, F.B. (2016). Exercise improves cardiorespiratory fitness in people with depression: A meta-analysis of randomized control trials. J Affect Disord, 15;190, 249-253.
  • Tuch, A. (2018). Somatisch-psychische Komorbidität in Schweizer Akutspitälern. Prävalenz und Inanspruchnahme. (Obsan Bulletin 1/2018). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.
  • Vancampfort, D., Rosenbaum, S., Schuch, F.B., Ward, P.B., Probst, M., Stubbs, B. (2016). Prevalence and predictors of treatment dropout from physical activity interventions in schizophrenia: a meta-analysis. Gen Hosp Psychiatry, 39:15-23, 457-466.

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