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uKiB als Ziel der modernen Physiotherapie (1)

Von Jochen Ganzmann und Stefan Lerch (CoreKnowledge)


Anmerkung der SART-Redaktion:

Dieser Beitrag reflektiert die individuelle Einschätzung und den fachlichen Behandlungsansatz des Autors und stellt keine offizielle Position oder Empfehlung der SART dar.


Rückblick – und Aufbruch

In den ersten sieben Blogs der CoreKnowledge-Serie haben wir gemeinsam die wissenschaftlichen bewiesenen therapeutischen Grundlagen gelegt:


– von der therapeutischen Allianz über aktive Rehabilitation
– bis hin zum zentralen ZieluKiB – unbewusste Körperkontrolle in Bewegung.

Nun geht es weiter – vom Verstehen zum Handeln.
In dieser zweiten Serie zeigen wir dir, wie du dieses Wissen konkret in deinem Praxisalltag umsetzen kannst.

 

 

uKiB als Grundziel – auch dein Ziel?

Was genau hinter uKiB steckt, haben wir im Blog vom 10.12.2024 beschrieben – hier nur kurz zur Erinnerung:

uKiB steht für unbewusste Körperkontrolle in Bewegung und somit für das, was Therapie und Training im Kern ausmacht: das Erreichen von sicherer, fliessender und selbstvergessenen/intuitiver Bewegung – unabhängig von Schmerzen, Kontrolle oder Angst. (Siehe auch: uKiB-Philosophie).

Das Kundenziel deckt sich grundsätzlich meist unmittelbar mit uKiB, muss jedoch selbstverständlich abgeklärt werden, wie im SART Blog vom 21.05.2025 beschrieben.

Die Ziele formen alles. Sie bestimmen, welche Übungen du wählst, welche Sprache du verwendest – und welche Gedanken du nicht teilst [2] [3].

Beispiel: Rumpfstabilität – ein Missverständnis mit Folgen

Gibst du bei Google „Rumpfstabilität“ ein, siehst du vor allem Planks.
Viele Patienten meinen daher: „Stabilität = Bauch anspannen – fixierter Rücken“

Doch führt der Plank zu uKiB? Nein!

Nicht, weil er keinen Trainingseffekt hätte – er kann durchaus Kraft und Ausdauer fördern [4].
Aber er trägt nicht optimal zur Entwicklung unbewusster Körperkontrolle in Bewegung bei – also jener funktionellen, dynamischen Stabilität, die im Alltag, im Sport und unter Ablenkung gefragt ist [5].

Denn: Wir bewegen uns nicht wie Roboter mit starren Gelenken, sondern über variable, kontextabhängige Strategien – je nach Untergrund, Aufgabe oder innerem Zustand.

Dynamische Stabilität entsteht nicht durch bewusste Anspannung, sondern durch adaptive, dynamische Kontrolle [6].

 

uKiB verlangt andere Übungen – und eine andere Sprache

 

Wenn das Ziel uKiB ist, wählst du Übungen, die Variabilität und Selbstorganisation fördern – zum Beispiel:

  • Wind ’n’ Tree 
  • Resisted Walk_X  
  • Carries / Walk Over
  • Farm Horse

Und du sprichst nicht von „Rumpfstabilität“, sondern von Körperkontrolle – denn es geht um den ganzen Körper, nicht um isolierte Muskeln.

(Siehe auch: Missverständnis Rumpfstabilität) 


Praxisbeispiel: Wind ’n’ Tree – von Anfang an

Ein 17-jähriger Tennisspieler trägt nach einem Wirbelsäulentrauma ein Korsett und möchte wieder an Wettkämpfen teilnehmen.

Um von Anfang an die Körperkontrolle im Stehen zurückzugewinnen, ist die Übung „Wind ’n’ Tree“ mit einem gelben Theraband fester Bestandteil des Trainingsplans [7][8].

Wichtig: Du sagst nicht„Spann deinen Bauch an.“ „Zieh den Bauchnabel ein.“

Stattdessen gibst du eine Aufgabe mit holistischem Fokus [9]:
„Stell dir vor, du bist eine 100-jährige Eiche – dein Stamm bewegt sich keinen Millimeter, egal wie stark der Wind weht.“
Oder: Lege dem Patienten einen Jonglierball/Reissack auf den Kopf mit den Worten „Er darf nicht herunterfallen.“ 

Der Patient muss die Aufgabe selbst lösen – das dynamische System Mensch organisiert die Bewegung selbst [9].

Später bringst du Störungen ins System – durch deine Bewegung, unerwartete Impulse und Ablenkung. Und genau das bricht die bewusste Kontrolle – und öffnet den Raum für uKiB.

Praxisbeispiel: Schulterrehabilitation mit Ziel uKiB

Ein 53-jähriger Patient kommt mit einer Bizepssehnen-Tendinopathie rechts, bestehend seit zwei Monaten.
Die Beschwerden treten vor allem beim Anheben des Arms mit Gewicht (z. B. Tasche) und bei Supinationsbewegungen auf.

Bisher hat der Patient selbstständig Front Raises, Lateral Raises und Aussenrotationstraining durchgeführt – jedoch ohne Besserung.
Jetzt braucht es einen neuen Ansatz: Weg von isolierten Muskelübungen, hin zu unbewusster Körperkontrolle in Bewegung (uKiB).  Zwei bewährte Methoden sind:

„Spiegeln“: Neurophysiologische Bahnung durch Imitation

Beim Spiegeln macht der Patient deine Bewegungen zeitgleich nach. Der mögliche therapeutische Effekt basiert auf der Aktivierung des Spiegelneuronensystems (MNS): Die reine Beobachtung einer Handlung löst eine muskelspezifische corticospinale Erregbarkeit (motorische Resonanz) aus, die den motorischen Lernprozess im Gehirn unmittelbar bahnt und unterstützt [10,11,12].

Durch die Anweisung „Bleib synchron!“ wird ein externer Fokus erreicht. Ein solches extern getaktetes Training ist ideal, um Reaktionsfähigkeit, Tempo und die motorische Funktion zu verbessern, ohne dass der Patient den Fokus auf das schmerzende Gelenk legt. Ein Beginn mit schmerzfreien Bewegungen ermöglicht es, Vertrauen in die eigene Bewegungskompetenz aufzubauen. Im Anschluss daran sollte durch das neuroplastische Training eine Verbesserung der Symptomatik erzielt werden können.

Volley-Ballon

Ein Ballon wird hin und her gespielt.
Die Aufgabe lautet nicht „Schulter stabilisieren“, sondern: „Lass den Ballon nicht fallen.“

So entsteht selbstorganisierte Schulterkontrolle in einer kinetischen Kette – flüssig, variabel und alltagsnah. Man könnte diese Übungen auch als Gamification bezeichnen, solche Übungen beeinflussen die Motivation positiv [11].

Diese Beispiele zeigen: Ob Rumpf oder Schulter – das Prinzip bleibt gleich. uKiB bedeutet, dem Körper die Gelegenheit zur Selbstorganisation zu bieten. Unser Job ist, die richtigen Bedingungen (Constraints) dafür zu schaffen.

Dosierung bei uKiB-Übungen

Die Dosierung des uKiB-Ansatzes weicht grundlegend von traditionellen, quantitativen Trainingsmodellen ab. Die Dosierungsparameter basieren eher auf kognitiver statt auf muskulärer Ermüdung.

Bei uKiB-orientierten Übungen zählt hauptsächlich der Fokus des Kunden: Aufmerksamkeit ist das neue Set.

  • Aufmerksamkeit: Überfokus: „Denken“ statt Handeln – der Patient „denkt“ oder kontrolliert, kurz unterbrechen – dann neue Aufgabe oder Reiz.
  • Wiederholungen: lieber mehrere kurze, abwechslungsreiche Serien als starre Sets.
  • Variabilität: Übung leicht verändern – Tempo, Richtung, Umgebung, Fokus.

Die therapeutische Beobachtung des Therapeuten muss hierbei als Echtzeit-Biofeedback-System dienen: Solange der Patient variable, selbstorganisierte Lösungen findet, ist der Reiz optimal. Fällt der Patient in starre, explizit kontrollierte Muster zurück, muss die Aufgabe oder die Störung angepasst oder kurz unterbrochen werden.

Merke:
uKiB entsteht nicht durch Quantität, sondern durch Qualität der Erfahrung.
Bewegung wird gelernt, nicht gezählt.

Beobachtung: Woran du Fortschritt erkennst

Achte auf Veränderungen im Verhalten:

  • Wichtig: Verändert sich die Sprache („Ich kann“ statt „Muss ich?“). Respektive der Patient sagt gar nichts. Er bewegt sich einfach und hat Spass.
  • Wird der Bewegungsfluss natürlicher, weicher, fliessender?
  • Nimmt Spannung ab, Koordination zu?
  • Entsteht Vertrauen in Bewegung, auch unter Ablenkung?

Wenn du diese Zeichen siehst, ist uKiB auf gutem Weg.

Fazit: Selbstorganisation statt Instruktion

uKiB ist kein theoretisches Konzept, sondern das Ziel, das den Weg zurück zur Selbstverständlichkeit des Bewegens ergibt.
Wer das versteht, therapiert nicht Muskeln – sondern das adaptive, dynamische System Mensch.

Kurz gesagt: uKiB entsteht durch Erfahrung, nicht durch Anweisung.

Nächster Blog: Vertrauen in den Prozess

Viele Patienten erwarten jedoch eine präzise Anleitung. Daher benötigt uKiB Aufklärung und die Bereitschaft, sich auf diesen Prozess einzulassen – sowohl auf der Patientenseite als auch beim Therapeuten. Dazu mehr im nächsten Blog auf SART.

Austausch erwünscht!

Gibt es in deinem Alltag Situationen, in denen es dir schwerfällt, den Übergang von bewusster zu unbewusster Bewegung herzustellen? Wenn ja, wann passiert das und warum denkst du, dass es so ist?

Teile deine Gedanken (auch Kritik) oder Themenideen jetzt hier in den Kommentaren – wir greifen sie gerne in einem unserer nächsten Blogbeiträge auf.


Bonus für dich – Die Serie als PDF

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Literatur

[1] Schwab-Farrell, S. M., Mayr, R., Davis, T. J., Riley, M. A., & Silva, P. L. (2025). Destabilising the norm: A critical experimental approach to move physiotherapy beyond movement “normalisation”. In P. Thille, C. Hebron, R. Galvaan, & K. S. Groven (Eds.), Inviting movements in physiotherapy: An anthology of critical  scholarship (pp. 90–112). Critical Physiotherapy Network and College of Rehabilitation Sciences, University of Manitoba. https://doi.org/10.82231/S8HA-YK54

[2] Fullen BM, Wittink H, De Groef A, et al (2023) Musculoskeletal Pain: Current and Future Directions of Physical Therapy Practice. Archives of Rehabilitation Research and Clinical Translation 5:100258. https://doi.org/10.1016/j.arrct.2023.100258

[3] Jeong YH, Healy LC, McEwan D (2023) The application of Goal Setting Theory to goal setting interventions in sport: a systematic review. International Review of Sport and Exercise Psychology 16:474–499. https://doi.org/10.1080/1750984X.2021.1901298

[4] Rodríguez-Perea Á, Reyes-Ferrada W, Jerez-Mayorga D, et al (2023) Core training and performance: a systematic review with meta-analysis. bs 40:975–992. https://doi.org/10.5114/biolsport.2023.123319

[5] Lederman E (2010) The myth of core stability. Journal of Bodywork and Movement Therapies 14:84–98. https://doi.org/10.1016/j.jbmt.2009.08.001

[6] Gokeler A, Neuhaus D, Benjaminse A, et al (2019) Principles of Motor Learning to Support Neuroplasticity After ACL Injury: Implications for Optimizing Performance and Reducing Risk of Second ACL Injury. Sports Med 49:853–865. https://doi.org/10.1007/s40279-019-01058-0

[7] McGill SM, Karpowicz A, Fenwick CM, Brown SH (2009) Exercises for the Torso Performed in a Standing Posture: Spine and Hip Motion and Motor Patterns and Spine Load: Journal of Strength and Conditioning Research 1. https://doi.org/10.1519/JSC.0b013e31818efcb3

[8] Mew R (2009) Comparison of changes in abdominal muscle thickness between standing and crook lying during active abdominal hollowing using ultrasound imaging. Manual Therapy 14:690–695. https://doi.org/10.1016/j.math.2009.05.003

[9] Davies M, Owen R, Gottwald V, Singh H (2024) Harnessing the power of attention: Exploring “focus of attention” theories, practice, and myths. In: Myths of Sport Performance, 1. Sequoia Books

[10] Zhang B, Kan L, Dong A, et al (2019) The effects of action observation training on improving upper limb motor functions in people with stroke: A systematic review and meta-analysis. PLoS ONE 14:e0221166. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0221166

[11] Keller A (2020) Einfluss der Imitation von Bewegungen im Vergleich zur verbalen oder autodidaktischen Übungsanleitung: Randomisierte kontrollierte Studie. manuelletherapie 24:29–35. https://doi.org/10.1055/a-1080-8021

[12] Pomelova E, Feurra M, Nikulin V, et al (2025) Is there a link between motor learning and mirror neuron system: TMS study. Front Hum Neurosci 19:1650152. https://doi.org/10.3389/fnhum.2025.1650152

[13] Steiner B, Elgert L, Saalfeld B, Wolf K-H (2020) Gamification in Rehabilitation of Patients With Musculoskeletal Diseases of the Shoulder: Scoping Review. JMIR Serious Games 8:e19914. https://doi.org/10.2196/19914

 


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