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Vertrauen in den Prozess: Wie du Lernen statt Korrigieren verständlich erklärst

Von Jochen Ganzmann und Stefan Lerch (CoreKnowledge)


Anmerkung der SART-Redaktion:

Dieser Beitrag reflektiert die individuelle Einschätzung und den fachlichen Behandlungsansatz des Autors und stellt keine offizielle Position oder Empfehlung der SART dar.


Vom Kontrollieren zum Ermöglichen

In der letzten Folge haben wir über uKiB – unbewusste Körperkontrolle in Bewegung als Ziel moderner Physiotherapie gesprochen.
Ein zentraler Gedanke war:

Bewegungskompetenz entsteht nicht durch perfekte Instruktionen, sondern durch Erfahrung, Wahrnehmung – und Vertrauen in den eigenen Körper.

Doch genau hier beginnt die Herausforderung für uns Therapeuten.
Denn nicht zu viel zu tun widerspricht oft allem, was wir gelernt haben:
Anleiten. Kontrollieren. Korrigieren. Unterstützen. Manipulieren [1].

 

 

Die Patienten sind geprimt

Bilder wie dieses beeinflussen Patienten unbewusst. Sie formen eine Erwartungshaltung darüber, wie die Therapie und Training ablaufen – die Patienten werden dadurch mental darauf vorbereitet („geprimt“).

Sie wollen genau wissen, wie sie sich bewegen sollen/müssen, welcher Muskel wann arbeitet, wie die Haltung sein muss, wann sie atmen sollen.
Das ist verständlich – vor allem nach Schmerzerfahrungen, ärztlichen Warnungen oder Anleitungen aus dem Internet.

Doch uKiB entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Erfahrung, Ausprobieren und Selbstorganisation.
Die eigentliche Aufgabe lautet: Wie erklären wir, dass weniger Anweisung oft mehr Wirkung bedeutet?
Dass Nicht-Korrigieren kein Desinteresse ist – sondern Raum schafft für das Lernen [2]?

Sprache schafft Vertrauen

Mach den Unterschied transparent:

„Du bist es gewohnt, dass dir gesagt wird, wie du dich bewegen sollst. Heute geht es darum, dass du dich wieder bewegst, ohne darüber nachzudenken.“

Verknüpfe es mit Alltagslogik:

„Du fährst Fahrrad, ohne ans Gleichgewicht zu denken.
Du hebst dein Kind, ohne Muskeln zu zählen. Genau diese Kompetenz wollen wir wiederherstellen.“

Nicht-Korrigieren ist aktiv

„Wenn ich dich nicht korrigiere, heisst das nicht, dass ich nichts tue.
Ich beobachte, gestalte die Aufgabe (neu/um), störe vielleicht leicht –
aber ich lasse dein Nervensystem die Lösung finden, die langfristig bleibt.“

So entsteht Sicherheit ohne Kontrolle.
Denn therapeutische Zurückhaltung ist keine Passivität – sie ist Raumkompetenz. Eingegriffen wird demnach nur, um die Aufgabenstellung zu verändern, nicht um die Lösung vorzugeben.

Je weniger wir eingreifen, desto mehr übernehmen Patienten Verantwortung für ihre Bewegung.

 

Entscheidendes passiert zwischen den Interventionen

Zwischen zwei Übungen, im Moment des scheinbaren „Nichtstuns“, passiert  Wesentliches [3,4]: Das Nervensystem integriert Erfahrungen und verknüpft Wahrnehmung mit Bewegung.

Damit dein Schweigen nach der Übung nicht als Gleichgültigkeit missverstanden wird, solltest du es aktiv ankündigen:

„Ich werde dir nach der Übung bewusst ein paar Sekunden Zeit lassen, um das Erlebte zu verarbeiten. In deinem Nervensystem finden nach der Ausführung wichtige Prozesse statt, die wir nicht durch Reden stören wollen.“

Wenn du diese Pause vorher ankündigst, ist das Schweigen für dich selbst leichter auszuhalten und für den Patienten fachlich eingeordnet.

  • Reflexionsraum: Ein Rückenpatient bekommt nach dem Kreuzheben die nötige Zeit, um die eigene Bewegung zu analysieren, zu reflektieren und bewusst wahrzunehmen.
  • Schutz des inneren Dialogs: Du unterbrichst seinen internen Abgleich nicht, während er die Sicherheit und Kompetenz im eigenen Körper spürt.
  • Selbstwirksamkeit: Durch diesen Raum lernt der Patient, Verantwortung für seine Bewegung zu übernehmen, anstatt nur auf externe Korrekturen zu warten.

Prozess, nicht Verzicht

Es geht nicht darum, alles zu vergessen, was wir bisher gelernt haben, sondern im richtigen Moment loszulassen.

Am Anfang braucht es vielleicht mehr Führung. Doch mit wachsendem Vertrauen entsteht Raum für eigene Lösungen [5].

Diese Freiheit wirkt – auf beiden Seiten.

Warum das befreiend ist

Für Patienten:

  • Kein Druck, perfekt zu sein
  • Keine Angst vor „falschen“ Bewegungen
  • Wiedergewonnenes Vertrauen in den eigenen Körper

Für Therapeuten:

  • Kein Zwang, jede Bewegung zu korrigieren
  • Mehr Raum für Beobachtung, Kreativität und Beziehung
  • Freiheit, Lernräume statt Instruktionen zu gestalten

Interdisziplinäre Brücken bauen

 

Vertrauen in den Prozess endet nicht an der Praxistür. Das muss auch interdisziplinär stattfinden. Dafür benötigt es zwischen den Professionen Übersetzung.

 

Ärzte denken oft linear:

„Muskelschwäche → trainieren → stabilisieren.“

 

Trainer denken biomechanisch:

„Stabilität = Kraft + Kontrolle.“

 

uKiB denkt lernorientiert:

„Stabilität entsteht aus Variabilität, Vertrauen und Selbstorganisation.“

 

Das Ziel ist dasselbe – Sicherheit, Schmerzfreiheit, Belastbarkeit – aber die Sprache und die dahinterliegende Philosophie unterscheiden sich.

Übersetzen statt überzeugen

„Wir verfolgen dasselbe Ziel – nur über eine andere Steuerungsebene.“
„Ich setze stärker auf motorisches Lernen als auf bewusste Kontrolle.“

Das öffnet Türen, wo Diskussionen sie schliessen.

Wenn ein Arzt „Bauch anspannen“ sagt und du „Du bist eine Eiche“, erklärst du dem Patienten:

„Der Arzt meint: dein Rumpf soll stabil bleiben. Wir trainieren das heute anders – mit Bewegung statt Anspannung.“

So bleibt Vertrauen – und du führst trotzdem Richtung uKiB.

Zeig Ergebnisse, keine Theorien

In interdisziplinären Teams überzeugt kein Konzept so sehr wie Verhalten:

„Der Patient steht jetzt auf, ohne nachzudenken – und bleibt stabil.“

Und sprich in gemeinsamen Begriffen: Zudem gibt es allgemeine Begrifflichkeiten: 

  • Selbstwirksamkeit statt „unbewusste Kontrolle“
  • Funktionelle Stabilität statt „Variabilität“
  • Bewegungskompetenz statt „implizites Lernen“

So wird uKiB anschlussfähig – nicht elitär.

Fazit

Das Problem löst man nicht durch Konfrontation, sondern durch Übersetzung.
uKiB ist keine Alternative zum klassischen Denken – es ist eine Erweiterung.

Vertrauen in den Prozess bedeutet:

  • Raum statt Kontrolle
  • Lernen statt Lenken
  • Beziehung statt Anweisung

Das gilt für unsere Patienten – und für uns selbst. Denn wer Bewegung ermöglichen will, muss zuerst lernen, loszulassen.

Austausch erwünscht

Wie gelingt dir das Loslassen/ den Patienten machen lassen in der Praxis – und wann fällt es schwer? Was hilft dir, den Raum für Lernen zu gestalten?
Teile deine Gedanken oder Beispiele jetzt hier in den Kommentaren – wir greifen sie gerne in einem der nächsten Blogs auf.

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Literatur

[1] Chow JY, Button C, Lee MCY, et al (2023) Advice from “pracademics” of how to apply ecological dynamics theory to practice design. Front Sports Act Living 5:1192332. https://doi.org/10.3389/fspor.2023.1192332

[2] Gray R (2024) Learning to be an “Ecological” Coach. (p. 277-285) Independently published https://bit.ly/4888LkX

[3] Buch ER, Claudino L, Quentin R, et al (2021) Consolidation of human skill linked to waking hippocampo-neocortical replay. Cell Reports 35:109193. https://doi.org/10.1016/j.celrep.2021.109193

[4]Bönstrup M, Iturrate I, Thompson R, et al (2019) A Rapid Form of Offline Consolidation in Skill Learning. Current Biology 29:1346-1351.e4. https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.02.049

 

[5] Stone JA, Rothwell M, Shuttleworth R, Davids K (2021) Exploring sports coaches’ experiences of using a contemporary pedagogical approach to coaching: an international perspective. Qualitative Research in Sport, Exercise and Health 13:639–657. https://doi.org/10.1080/2159676X.2020.1765194

 


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