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Beinachsenkontrolle neu gedacht: Stabilität durch Variabilität

Von Jochen Ganzmann und Stefan Lerch (CoreKnowledge)


Anmerkung der SART-Redaktion:

Dieser Beitrag reflektiert die individuelle Einschätzung und den fachlichen Behandlungsansatz des Autors und stellt keine offizielle Position oder Empfehlung der SART dar.


Das klassische zweidimensionale Narrativ der Beinachse

„Dein Knie fällt nach innen – das ist ein Valgus. Das ist schlecht.” Oder: “Wir müssen die Beinachse korrigieren.“

Dies führt im Alltag vieler Trainings- und Therapiesituationen zInstruktionen wie:

„Stabilisiere dein Knie über dem zweiten Zeh.“
„Halte Hüfte, Knie und Fuss in einer Linie.“
„Lass das Knie nicht nach innen fallen.“

Hinter diesen Instruktionen steht ein verbreitetes Narrativ: Es geht davon aus, dass es eine ideale, neutrale Beinachse gibt und dass Abweichungen davon als Fehler zu betrachten sind. Entsprechend gilt es im Training und in der Rehabilitation, diese Abweichungen durch explizite Instruktionen gezielt zu korrigieren.

Doch folgt menschliche Bewegung tatsächlich einem idealen Achsenmodell – oder ist diese Vorstellung zu einfach?

Was wissen wir über die dynamische Beinachse?

Bestimmte Bewegungsmuster können das ACL-Ruptur-Risiko erhöhen

Ein dynamischer Valgus in Kombination mit geringer Knie- und Hüftflexion, Rumpfauslenkung zur Standbeinseite sowie tibialer Rotation kann die Belastung auf das vordere Kreuzband deutlich erhöhen. In solchen Situationen können innerhalb von Millisekunden Kräfte entstehen, die die strukturelle Belastbarkeit des Bandes überschreiten. [1], [2]

Training kann das Verletzungsrisiko reduzieren

Gezieltes Training – insbesondere Krafttraining sowie neuromuskuläres und sensomotorisches Training – kann das Risiko für Verletzungen der unteren Extremität signifikant reduzieren. Diese Trainingsformen sind deshalb ein zentraler Bestandteil sowohl der Prävention als auch der Rehabilitation. [3], [4], [5]

Warum das Fehlstellungs-Narrativ zu kurz greift

Ein Beispiel aus dem Krafttraining verdeutlicht, wie schwierig es ist, Bewegungen nur über Gelenkpositionen zu bewerten. Bei Gewichthebern lässt sich beim Aufstehen aus der tiefen Hocke häufig eine Innenrotation der Hüfte beobachten. Diese Bewegung wird nicht zwingend als Fehler interpretiert, sondern kann eine funktionelle Strategie sein, um bestimmte Muskelgruppen – etwa den Gluteus maximus und den Adductor magnus – effektiver zu belasten. [6], [7]

Eine Bewegung, die oberflächlich wie eine „Abweichung“ aussieht, kann durchaus eine leistungsorientierte Anpassung sein. [8], [9]
Entscheidend ist also der Kontext: Ein unkontrollierter Valgus bei geringer Beugung und hoher Geschwindigkeit kann das Verletzungsrisiko erhöhen [10], während ein dynamischer Valgus unter Last in einer tiefen Hocke häufig eine harmlose oder funktionelle Anpassung darstellt.

Das Verletzungsrisiko ist komplex

Verletzungen entstehen selten durch einzelne „Fehlbewegungen“, sondern durch das Zusammenspiel biologischer, psychologischer und umweltbezogener Faktoren in einem komplexen System. [11], [12]

Für Prävention und Rehabilitation bedeutet das: Entscheidend ist weniger die Korrektur einzelner Bewegungsparameter als die Entwicklung von Anpassungsfähigkeit, Variabilität und Belastungstoleranz.

Gerade nach ACL-Verletzungen zeigt sich die Bedeutung dieses Ansatzes, da neben strukturellen Veränderungen auch neuroplastische Anpassungen im motorischen System auftreten können. [13]

Die Schlussfolgerung – Ziel uKiB

Prävention und Rehabilitation nach ACL-Verletzungen sollten gezielt Prinzipien des motorischen Lernens nutzen, um neuroplastische Anpassungen zu fördern und adaptive Bewegungsstrategien zu entwickeln. Variabilitätsbasiertes, aufgabenorientiertes Training – wie es in Ansätzen der dynamischen Systemtheorie, der ökologischen Psychologie oder der nicht-linearen Pädagogik beschrieben wird – unterstützt diese Anpassungsfähigkeit. [14], [15] Kurz gesagt: Ziel moderner Rehabilitation ist uKiB – unbewusste Körperkontrolle in Bewegung. (Mehr über uKiB hier).

Variabilität als Voraussetzung für Belastbarkeit

In der motorischen Lernforschung werden verschiedene Prinzipien beschrieben, die diesen Prozess unterstützen. Dazu gehören unter anderem externer Fokus, Autonomie im Lernprozess, gezieltes Feedback sowie die Gestaltung der Aufgabenbedingungen im Sinne des Constraints-Led Approach.

In diesem Blog möchten wir jedoch einen Aspekt besonders hervorheben: die Rolle der Bewegungsvariabilität. Bereits Bernstein beschrieb Variabilität als Grundprinzip menschlicher Bewegung. Moderne Forschung zeigt, dass sie eine zentrale Rolle für motorisches Lernen und Anpassungsfähigkeit spielt. [16], [17], [18]

Definition: Bewegungsvariabilität

Bewegungsvariabilität beschreibt die natürlichen Unterschiede, mit denen eine Bewegung von Wiederholung zu Wiederholung ausgeführt wird. Selbst bei identischen Bedingungen gleicht keine Bewegung exakt der anderen – bereits beim Gehen ist kein Schritt identisch mit dem vorherigen. [18], [19] Diese Variabilität ist kein Fehler, sondern ein grundlegendes Merkmal biologischer Bewegung und ermöglicht Anpassungsfähigkeit und Belastbarkeit.

Nicht jede Variabilität ist jedoch funktionell. Veränderungen der Bewegungsvariabilität können auch Ausdruck eingeschränkter neuromuskulärer Kontrolle, Ermüdung oder Pathologie sein. Solche Veränderungen werden in der Forschung als potenzieller Hinweis auf veränderte Bewegungsorganisation interpretiert, ihre Aussagekraft für das Verletzungsrisiko ist jedoch begrenzt und stark kontextabhängig. [20], [21]

Variation und Variabilität

In diesem Zusammenhang bezeichnet Variation die gezielte Veränderung der Aufgabenbedingungen im Training, etwa durch unterschiedliche Ausgangspositionen, Tempi, Untergründe oder Reaktionsaufgaben. Variabilität ist die natürliche Folge dieser Variation: Das Bewegungssystem entwickelt unterschiedliche Lösungen, um die Aufgabe zu bewältigen. [16]

Die Übungsvideos in diesem Blog sind Beispiele für variationsorientiertes, aufgabenorientiertes Training. Dieser Ansatz orientiert sich an Prinzipien der dynamischen Systemtheorie, der ökologischen Psychologie und der nicht-linearen Pädagogik [14], [22], [23], [24] Wichtig: Die gezeigten Übungen sind Beispiele. Entscheidend ist nicht die einzelne Übung, sondern die Variation der Aufgabenbedingungen.


Variabilitätsbasierte Trainingsansätze wie Differential Learning oder Nonlinear Pedagogy verbessern nachweislich kinematische und kinetische Risikofaktoren für ACL-Verletzungen – etwa durch reduzierte Knievalgusmomente und veränderte Bewegungsstrategien – und zeigen dabei bessere Effekte als klassisches technikorientiertes Training. [24], [25]

Aufgabenvariation in der Praxis

Beim Step-down kann dies bedeuten, die Abstiegshöhe, das Bewegungstempo zu variieren oder einen externen Fokus zu setzen, etwa das kontrollierte Absetzen der Ferse auf einem Zielpunkt.

Der Patient erhält damit die Möglichkeit, eigenständig eine funktionale Lösung zu finden, bei der sich die Beinachse selbstorganisiert. Der therapeutische Fokus liegt weniger auf der bewussten Kontrolle der Kniegelenkstellungen, sondern auf der Bewältigung der Aufgabe unter veränderten Bedingungen. Dadurch wird nicht nur die Selbstwirksamkeit des Patienten gestärkt, sondern auch die Fähigkeit, mit variablen Belastungssituationen im Alltag umzugehen.

Gleichzeitig verändert sich die therapeutische Beziehung: Der Therapeut agiert weniger als korrigierender Experte, sondern vielmehr als Gestalter des Lernprozesses, der den Rahmen für selbstorganisiertes Lernen schafft.

Fazit

Die perfekte Beinachse ist ein Mythos. Bewegung ist variabel, und genau diese Variabilität ermöglicht Anpassung und Belastbarkeit. Gute Rehabilitation trainiert deshalb nicht eine ideale Bewegung, sondern ein System, das unter REALEN Bedingungen robust funktioniert.

Stell dir folgende Fragen: 

Ist die Übung jedes Mal ein klein wenig anders?
Muss der Patient gleichzeitig denken oder reagieren?
Hat mein Patient ein externes Ziel?
Spreche ich weniger als 10% der Zeit über die Anatomie?

Diskussion erwünscht: Deine Erfahrung zählt!

Wie nutzt du Aufgabenvariation in deiner Praxis oder im Training? Teile deine Erfahrungen, Ideen oder Herausforderungen – wir sind gespannt auf den Austausch in den Kommentaren.


Literatur:

[1] Della Villa F, Buckthorpe M, Grassi A, Nabiuzzi A, Tosarelli F, Zaffagnini S, et al. Systematic video analysis of ACL injuries in professional male football (soccer): injury mechanisms, situational patterns and biomechanics study on 134 consecutive cases. Br J Sports Med. 2020;54(23):1423-32.

[2] Rekik RN, Bahr R, Cruz F, Read P, Whiteley R, D’Hooghe P, et al. Mechanisms of ACL injuries in men’s football: A systematic video analysis over six seasons in the Qatari professional league. Biology of Sport. 2022.

[3] Lauersen JB, Bertelsen DM, Andersen LB (2014) The effectiveness of exercise interventions to prevent sports injuries: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. Br J Sports Med 48:871–877. https://doi.org/10.1136/bjsports-2013-092538

[4]Thorborg K, Krommes KK, Esteve E, et al (2017) Effect of specific exercise-based football injury prevention programmes on the overall injury rate in football: a systematic review and meta-analysis of the FIFA 11 and 11+ programmes. Br J Sports Med 51:562–571. https://doi.org/10.1136/bjsports-2016-097066

[5]Maestroni L, Turner A, Papadopoulos K, et al (2023) Total Score of Athleticism: Profiling Strength and Power Characteristics in Professional Soccer Players After Anterior Cruciate Ligament Reconstruction to Assess Readiness to Return to Sport. Am J Sports Med 51:3121–3130. https://doi.org/10.1177/03635465231194778

[6] Chiu LZF. „Knees Out“ or „Knees In“? Volitional Lateral vs. Medial Hip Rotation During Barbell Squats. J Strength Cond Res. 2024 Mar 1;38(3):435-443. doi: 10.1519/JSC.0000000000004655. Epub 2023 Dec 13. PMID: 38416444.

[7] Vigotsky A, Bryanton M. 2026 RELATIVE MUSCLE CONTRIBUTIONS TO NET JOINT MOMENTS IN THE BARBELL BACK SQUAT 40th Annual Meeting of the American Society of Biomechanics, Raleigh, NC, USA, August 2nd – 5th,

[8] Bartlett R, Wheat J, Robins M (2007) Is movement variability important for sports biomechanists? Sports Biomechanics 6:224–243. https://doi.org/10.1080/14763140701322994

[9 ]Davids K, Glazier P, Araujo D, Bartlett R (2003) Movement Systems as Dynamical Systems: The Functional Role of Variability and its Implications for Sports Medicine. Sports Medicine 33:245–260. https://doi.org/10.2165/00007256-200333040-00001

[10] Hewett TE, Myer GD, Ford KR, et al (2005) Biomechanical Measures of Neuromuscular Control and Valgus Loading of the Knee Predict Anterior Cruciate Ligament Injury Risk in Female Athletes: A Prospective Study. Am J Sports Med 33:492–501. https://doi.org/10.1177/0363546504269591

[11] Bittencourt NFN, Meeuwisse WH, Mendonça LD, et al (2016) Complex systems approach for sports injuries: moving from risk factor identification to injury pattern recognition—narrative review and new concept. Br J Sports Med 50:1309–1314. https://doi.org/10.1136/bjsports-2015-095850

[12]Fonseca ST, Souza TR, Verhagen E, et al (2020) Sports Injury Forecasting and Complexity: A Synergetic Approach. Sports Med 50:1757–1770. https://doi.org/10.1007/s40279-020-01326-4

[13] Gokeler A, Nijmeijer EM, Heuvelmans P, et al (2023) Motor learning principles during rehabilitation after anterior cruciate ligament injury: Time to create an enriched environment to improve clinical outcome. Arthroskopie 36:164–170. https://doi.org/10.1007/s00142-023-00606-1

[14] Gokeler A, Neuhaus D, Benjaminse A, et al (2019) Principles of Motor Learning to Support Neuroplasticity After ACL Injury: Implications for Optimizing Performance and Reducing Risk of Second ACL Injury. Sports Med 49:853–865. https://doi.org/10.1007/s40279-019-01058-0

[15] Welling W (2024) Return to sports after an ACL reconstruction in 2024 – A glass half full? A narrative review. Physical Therapy in Sport 67:141–148. https://doi.org/10.1016/j.ptsp.2024.05.001

[16] Ranganathan R, Newell KM (2013) Changing Up the Routine: Intervention-Induced Variability in Motor Learning. Exercise and Sport Sciences Reviews 41:64–70. https://doi.org/10.1097/JES.0b013e318259beb5

[17] Birklbauer, J. (2019) Optimal variability for effective motor learning: A theoretical review and empirical work on movement variability.(Spektrum Bewegungswissenschaft, Vol. 9). Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

[18] Bernstein, N. A. (1967). The Coordination and Regulation of Movements. Oxford: Pergamon Press. Online verfügbar über archive.org

[19] Dingwell JB, Cusumano JP (2000) Nonlinear time series analysis of normal and pathological human walking. Chaos: An Interdisciplinary Journal of Nonlinear Science 10:848–863. https://doi.org/10.1063/1.1324008

[20] Hamill, J., van Emmerik, R. E. A., Heiderscheit, B. C., & Li, L. (2012).
A dynamical systems approach to lower extremity running injuries.
Clinical Biomechanics, 27(3), 297–308.

[21] Stergiou N, Decker LM (2011) Human movement variability, nonlinear dynamics, and pathology: Is there a connection? Human Movement Science 30:869–888. https://doi.org/10.1016/j.humov.2011.06.002

[22] Davids, K., Button, C., & Bennett, S. (2008). Dynamics of Skill Acquisition: A Constraints-Led Approach. Champaign, IL: Human Kinetics.

[23] Benjaminse, A., Welling, W., Otten, B., & Gokeler, A. (2017). Transfer of improved movement technique after receiving verbal external focus and video instruction. Knee Surgery, Sports Traumatology, Arthroscopy, 25, 3368–3376.

[24] Mohammadi Orangi B, Yaali R, Bahram A, et al (2021) Motor learning methods that induce high practice variability reduce kinematic and kinetic risk factors of non-contact ACL injury. Human Movement Science 78:102805. https://doi.org/10.1016/j.humov.2021.102805

[25] Ghanati HA, Letafatkar A, Shojaedin S, et al (2022) Comparing the Effects of Differential Learning, Self-Controlled Feedback, and External Focus of Attention Training on Biomechanical Risk Factors of Anterior Cruciate Ligament (ACL) in Athletes: A Randomized Controlled Trial. IJERPH 19:10052. https://doi.org/10.3390/ijerph191610052

[26] Schöllhorn, W. I., Beckmann, H., & Davids, K. (2010). Exploiting system fluctuations: Differential training in physical prevention and rehabilitation programs for health and exercise. Sports Medicine, 40(10), 865–878.


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