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Gerne möchten wir euch unsere nächsten Fort- und Weiterbildungen näherbringen und freuen uns natürlich, euch an dem einen oder anderen Anlass begrüssen zu dürfen!
Anmerkung der SART-Redaktion:
Dieser Beitrag reflektiert die individuelle Einschätzung und den fachlichen Behandlungsansatz des Autors und stellt keine offizielle Position oder Empfehlung der SART dar.
Wenn Menschen sich bewegen, denken sie oft nicht darüber nach, worauf sie dabei achten. Sie haben eine unbewusste Körperkontrolle in Bewegung. In der Rehabilitation ist dies zu Beginn meist anders: Häufig müssen die Patienten das betroffene Körperteil bei den Bewegungen zusehen können, wenn sie es bewegen.
Gleichzeitig wird viel darüber gesprochen, wie jemand sich bewegen soll. Welche Muskeln aktiviert werden sollen. Welche Gelenke wohin zeigen sollen. Und was man „spüren“ soll.
Und genau hier wird es auch interessant: Denn die Art, wie wir Aufmerksamkeit lenken, verändert nicht nur was wir wahrnehmen – sie beeinflusst, wie gut wir lernen. [1] [2]
Externer oder interner Fokus?
Die Forschung unterscheidet verschiedene Arten des Aufmerksamkeitsfokus. Am bekanntesten ist der Unterschied zwischen externem und internem Fokus.
Beim internen Fokus liegt die Aufmerksamkeit auf dem eigenen Körper: „Zieh die Schulterblätter zusammen“, „spann den Bauch an“. Das ist oft der Standard in Therapie und Training – nachvollziehbar, denn es klingt nach Kontrolle.
Der externe Fokus dagegen richtet sich auf den Effekt der Bewegung: „Drück dich vom Boden ab“, „lauf auf der geraden Linie“, „triff den Punkt“.
Die Mehrheit der Studien zeigen dabei, dass ein externer Fokus zu besseren Leistungen, stabileren Bewegungen und schnellerem Lernen führt. [3] [4]
Wie das? Scheinbar, weil ein externer Fokus das Bewegungssystem automatisch organisieren lässt und kortikale Prozesse moduliert werden. Der Körper findet somit den effizientesten Weg – ohne dass der Kopf alles kontrollieren muss. [5]
Ein dritter Weg: Der holistische Fokus
Manchmal braucht es weder das eine noch das andere, sondern das Gefühl bzw. die Wahrnehmung der Bewegung. Bewegungen, die „explosiv“, „unter voller Kontrolle“ oder „weich bei der Landung“ sind, entsprechen dem holistischen Fokusvorgaben und zeigen teils bessere Leistungen als interner und externer Fokus. [6]
Was zählt: Relevanz
Die wichtigste Erkenntnis: Nicht jede Art von Fokus wirkt gleich. Als Therapeut sollte man sich dem stets bewusst sein. Man kann dadurch unterschiedliches Lernen ermöglichen. Die Tendenz geht hin zu externem oder holistischem Fokus. Dadurch wird ein Lernen erreicht, das bleibt – nicht nur für den Moment, sondern auch im Alltag. Für einen differenzierteren Blick schaue hier.
Feedback geben
Eng verknüpft mit dem Thema Aufmerksamkeit ist das Geben von Feedback. Und auch hier gilt: Weniger ist oft mehr.
Wird Feedback zu früh oder zu häufig gegeben, verlagert sich die Wahrnehmung – weg vom eigenen Körper, hin zur äusseren Rückmeldung. Es wird verlernt, auf die eigenen Körpersignale zu hören. Die Folge: Der Lernende wird abhängig von Feedbackquellen.
Studien zeigen, dass zu viel explizites, verbales Feedback die Fähigkeit zur selbstorganisierten Bewegungserkundung einschränkt – und damit das motorische Lernen behindern kann. [7]
Wie kann man das ändern? Ganz einfach: Überlasse dem Kunden die Wahl, wann er Feedback haben möchte. Dieses Prinzip des Self-Controlled Feedback stärkt nicht nur die Selbstwahrnehmung, sondern auch die Autonomie – und genau das fördert nachhaltiges Lernen. [2]
Was wir erwarten – beeinflusst, was wir können
Neben Fokus und Feedback spielt noch ein weiterer, oft unterschätzter Faktor im motorischen Lernen eine zentrale Rolle: die Erwartung.
Schon die Überzeugung, dass eine Übung leicht gelingen wird, verbessert die Ausführung messbar. Gleiches gilt umgekehrt: Wer glaubt, dass etwas schwierig oder gar nicht machbar ist, hat es oft schwerer – ganz unabhängig vom tatsächlichen Können. [2]
Das Erstaunliche: Bereits einfache Suggestionen – etwa „Du performst gut unter Druck“ – reichen aus, um Leistung und Lernen positiv zu beeinflussen.
Erfolgserlebnisse verstärken diesen Effekt und führen zu einer positiven Erwartungshaltung, die wiederum:
Fazit
Fokus, Feedback und Erwartung sind mehr als Begleitfaktoren im motorischen Lernen – sie sind entscheidende Stellschrauben, die gezielt genutzt werden können.
Wer als Therapeut oder Trainer bewusst mit diesen Aspekten arbeitet, fördert nicht nur kurzfristige Fortschritte, sondern ermöglicht Lernen, das bleibt – im Alltag, im Training und weit über die Therapie hinaus.
Abschluss der Blogreihe – was bleibt?
Sieben Beiträge, ein gemeinsames Ziel: Lernen verstehen – und Bewegung nachhaltig fördern. Diese Reihe hat beleuchtet, was für eine effektive Therapie und effektives motorisches Lernen wirklich entscheidend ist. Denn nachhaltige Therapie bedeutet mehr als expertengesteuerte korrekt ausgeführte Übungen. Sie bedeutet, Bedingungen zu schaffen, in denen Veränderung möglich wird:
Mit diesem Blog endet die Reihe. Doch CoreKnowledge hofft, dass du den Mut hast, neue Ufer zu erkunden und auszuprobieren. Deine Patienten werden es dir danken, denn für sie kann es sich nur positiv auswirken.
[1] Leung M, Rantalainen T, Teo W-P, Kidgell D (2017) The corticospinal responses of metronome-paced, but not self-paced strength training are similar to motor skill training. Eur J Appl Physiol 117:2479–2492. https://doi.org/10.1007/s00421-017-3736-4
[2] Wulf G, Lewthwaite R (2016) Optimizing performance through intrinsic motivation and attention for learning: The OPTIMAL theory of motor learning. Psychon Bull Rev 23:1382–1414. https://doi.org/10.3758/s13423-015-0999-9
[3] Chua L-K, Jimenez-Diaz J, Lewthwaite R, et al (2021) Superiority of external attentional focus for motor performance and learning: Systematic reviews and meta-analyses. Psychological Bulletin 147:618–645. https://doi.org/10.1037/bul0000335
[4] Gottwald V, Davies M, Owen R (2023) Every story has two sides: evaluating information processing and Vecological dynamics perspectives of focus of attention in skill acquisition. Front Sports Act Living 5:1176635. https://doi.org/10.3389/fspor.2023.1176635
[5] Rio E, Kidgell D, Moseley GL, et al (2016) Tendon neuroplastic training: changing the way we think about tendon rehabilitation: a narrative review. Br J Sports Med 50:209–215. https://doi.org/10.1136/bjsports-2015-095215
[6] Zhuravleva, T., Aiken, C. A., Becker, K. A., Lin, P. C., & Sampson, J. J. (2023). The use of a holistic focus of attention to improve standing long jump performance among NCAA track and field athletes. Int J Sports Sci Coach.
[7] Otte FW, Davids K, Millar S-K, Klatt S (2020) When and How to Provide Feedback and Instructions to Athletes?—How Sport Psychology and Pedagogy Insights Can Improve Coaching Interventions to Enhance Self-Regulation in Training. Front Psychol 11:1444. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.01444
Der Certificate of Advanced Studies (CAS) Sportphysiotherapie am Universitätsspital Basel bietet dir eine fundierte, praxisnahe Weiterbildung rund um den Weg von der Verletzung zurück in den Sport.
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Eckdaten auf einen Blick
Der CAS richtet sich an Physiotherapeutinnen, die ihr Fachwissen gezielt erweitern und Sportlerinnen vom Breiten- bis zum Spitzensport optimal begleiten möchten.
Anmerkung der SART-Redaktion:
Dieser Beitrag reflektiert die individuelle Einschätzung und den fachlichen Behandlungsansatz des Autors und stellt keine offizielle Position oder Empfehlung der SART dar.
Mit den 5 Grundsätzen (regelmässig belasten, zielgerichtet planen, individuell handeln, Intensität anpassen, Methoden und Übungen abwechseln) im Kopf, geht es an die praktische Umsetzung. Heute werfen wir einen vertieften Blick auf das motorische Lernen. Denn nicht nur was wir trainieren, ist entscheidend – sondern auch wie wir es vermitteln.
Warum implizites Lernen?
In der Rehabilitation möchten wir, dass Bewegungen auch unter Stress (z.B. Zeitdruck), Müdigkeit (z.B. in der Nachspielzeit) oder in neuen Kontexten (nicht nur in der Rehabilitation, sondern auch beim RTA) funktionieren. Studien zeigen: Implizit gelernte Bewegungen sind robuster – sie halten Stress besser stand und lassen sich leichter auf neue Situationen übertragen. [1] [2] Implizites Lernen ist intuitiv und somit gut geeignet für die Rehabilitation, wo das Ziel nicht Perfektion, sondern Alltagstauglichkeit ist. Die Selbstorganisation wird gefördert, es entsteht ein Lerneffekt.
Im Gegensatz dazu steht das explizite Lernen, bei dem Bewegungen über bewusste Anweisungen erlernt werden („Hebe zuerst das rechte Bein, dann...“). Häufig werden Lernprozesse durch Überkorrekturen blockiert (paralysis by analysis). Diese Art des Lernens ist fehleranfälliger, weniger stabil unter Druck und erschwert den Transfer auf andere Aufgaben oder Umgebungen.
Bewegung als Problemlösung – nicht als Idealbild
Bewegungen sind dabei keine abstrakten Muster, die es zu perfektionieren gilt – sie sind Lösungen für konkrete Aufgaben. Der Squat dient unter anderem dem Hinsetzten, die Front raises dem Glas aus dem Schrank holen.
Kein Schritt gleicht dem anderen – und das ist gut so. Bewegungsvariabilität ist keine Schwäche, sondern Ausdruck funktioneller Anpassung. Unser Ziel in der Therapie sollte daher nicht ein standardisiertes Bewegungsmuster sein, in das wir unsere Patienten hinein coachen, sondern das Lösen von Aufgaben in unterschiedlichen Kontexten.
Instruktion ist Teil des Lernens
Wie wir eine Übung anleiten, beeinflusst massgeblich den Lerneffekt. Wer jede Bewegung mit detaillierten Anweisungen zerlegt, fördert ein explizites Lernen. Wer dagegen mit offenen Aufgaben und spielerischen Elementen arbeitet, schafft Raum für implizites Lernen. Hierbei sollte das differenzielle Lernen und der constraint-led approach genannt werden. Beide Methoden scheinen ein explizites Lernen überlegen zu sein.
Beim differenziellen Lernen wird jede Wiederholung unterschiedlich durchgeführt, um die Bewegungsvariabilität gezielt zu fördern. Durch ständige Veränderungen des Bewegungsablaufs wird das Bewegungssystem dazu anzuregen, selbstständig optimale Lösungen zu finden. Dies erhöht die Anpassungsfähigkeit des Lernenden an unterschiedliche Situationen und Anforderungen.
Der constraint-led approach verfolgt einen ähnlichen Ansatz, indem er das Lernen über gezielte Einschränkungen (constraints) in der Umgebung/Aufgabe steuert. Durch das bewusste Setzen dieser Einschränkungen werden Bewegungen nicht direkt vorgegeben, sondern ergeben sich aus dem Zusammenspiel von Person, Aufgabe und Umwelt. Dadurch bleibt der Lernprozess eigenständig und erfahrungsbasiert.
Autonomie als Lernverstärker
Ein weiterer zentraler Baustein erfolgreichen Lernens ist Selbstbestimmung. Wer selbst wählen darf, lernt besser. Diese Form des selbstkontrollierten Lernens fördert nicht nur die Motivation, sondern auch die Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, Herausforderungen eigenständig meistern zu können. [3]
Autonomie wirkt auf neurobiologischer Ebene: Der Akt der Wahl aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und beeinflusst die Ausschüttung von Dopamin – entscheidend für Lernen, Motivation und Zielverfolgung. Oft braucht es keine grossen Entscheidungen – schon kleine Wahlmöglichkeiten reichen, um das Gefühl von Kontrolle zu erzeugen:
Diese scheinbar nebensächlichen Entscheidungen können entscheidende Wirkungen haben – nicht durch ihren Inhalt, sondern durch die Autonomie, die sie ermöglichen.
Fazit
In der Rehabilitation geht es primär nicht um perfekt ausgeführte Übungen, sondern um alltagsrelevante Bewegungen.
Implizites Lernen, gepaart mit Selbstbestimmung, schafft unter anderem eine Grundlage für stabile, übertragbare und motivierende Therapieerfolge.
Im nächsten Blog setzten wir unseren Fokus auf den Fokus und welche Effekte positive Erwartungen im Rahmen der Rehabilitation haben kann.
[1] Gokeler, A., Benjaminse, A., Welling, W., Alferink, M., Otten, E., & Myer, G. D. (2019).
Principles of motor learning to support neuroplasticity after ACL injury: Implications for optimizing performance and reducing risk of second ACL injury. Sports Medicine, 49(6), 853–865. https://doi.org/10.1007/s40279-019-01058-0
[2] Gray, R. (2021). How we learn to move: A revolution in the way we coach & practice sports skills. Perception Action Consulting & Education.
[3] Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191
Ein Blog unseres Partners Thieme, von Sebastian Kneifel und Peter Schnabel.
Die Sprungleistung ist von vielen Faktoren abhängig. Neben den körperlichenVoraussetzungen gehören dazu unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, die im Training speziell entwickelt werden. Der Hochsprungbaum hilft dabei, die richtigen
Entscheidungen zu treffen.
Einleitung
Der Themenbereich „Sprung“ ist für nahezu alle Sportarten von Bedeutung. Gerade die beliebten Mannschaftssportarten Fußball, Basketball, Volleyball und Handball sowie die Individualsportart
Leichtathletik beinhalten unterschiedliche Sprungvarianten sowohl in der Ausübung der Sportart als
auch als konditionelles oder koordinatives Trainingsmittel.
Allen Sprungformen gemeinsam ist grundsätzlich ein Element: die vollständige Hüftstreckung beim Verlassen des Bodens. Diese ist notwendig, damit der Kraftimpuls möglichst vollständig auf den gesamten Körper weitergeleitet werden kann. Differenzieren muss man allerdings in
folgender Hinsicht: Sind Sprünge in einer Mannschaftssportart relevanter Bestandteil der spielspezifischen Handlungen, ähneln sie sich hinsichtlich ihrer Eigenschaften und werden viel öfter eingesetzt als bei Sportarten, bei denen sie bei der Spielhandlung eine geringere Bedeutung haben. Ein Volleyballer oder ein Basketballer etwa springt häufiger als ein Fußballer oder ein Handballer.
In den leichtathletischen Disziplinen ähneln sich die Sprungformen ebenfalls grundsätzlich, allerdings ist die Technik hinsichtlich des Ziels (höher oder weiter) natürlich unterschiedlich.
Seien Sie gespannt auf den gesamten Artikel in folgendem Download:
Autoren
Anmerkung der SART-Redaktion:
Dieser Beitrag reflektiert die individuelle Einschätzung und den fachlichen Behandlungsansatz des Autors und stellt keine offizielle Position oder Empfehlung der SART dar.
Anamnese und Befund sind durchgerührt, die Therapieziele sind bekannt, die Therapieplanung wurde zusammen erstellt und somit kann es unter anderem zur aktiven Therapie übergehen. Wie im letzten Blog beschrieben, ist die aktive Therapie eine wahre Polypille. Sie hat Auswirkungen auf Schmerzintensität, Heilungskraft, die Kraft an sich, das Immun- und Nervensystem, psychosoziale Aspekte uvm. und das ohne unerwünschte Nebenwirkungen. [1]
Doch wie bei jedem Medikament gilt es, die «Gebrauchsanweisung» zu lesen und einzuhalten. Durchforstet man die Literatur nach möglichen Vorgehensweisen/Grundsätzen, so wird man von teils widersprüchlichen Hinweisen regelrecht überflutet. Bevor wir auf die 5 CoreKnowledge Grundsätze im Einzelnen eingehen, möchten wir zum besseren Verständnis zunächst unsere Sichtweise auf Prinzipien, Grundsätze und Methoden darlegen.
Was sind Prinzipien, Grundsätze und Methoden?
Prinzipien sind universelle, unveränderliche Grundlagen (Naturgesetze).
Darunter ist die Homöostase, die Immunantwort, das allgemeine Anpassungssyndrom, die Reizstufenregel, das SAID-Prinzip, die neuronale Plastizität, die Mechanotransduktion und weitere zu nennen und zu kennen.
Grundsätze sind handlungsleitende Regeln für die Praxis. Es geht um das praktische Anwenden von Prinzipien. Zum Beispiel Grundsatz: „Intensität anpassen“ wendet die Reizstufenregel an.
Methoden hingegen sind Werkzeuge/Vorgehensweisen, z. B. Hypertrophietraining, sensomotorisches Training…
So gesehen ist der “Overload” kein Prinzip, sondern eine Methode. Das Prinzip ist die Reizstufenregel und der Grundsatz “Intensität anpassen” führt je nach Ausgangslage und Ziel zur Methode “Overload”.
Prinzip |
Reizstufenregel |
Grundsatz |
Intensität anpassen |
Methode |
Overload |
Prinzipien musst du kennen, Grundsätze wiederum musst du mittels unterschiedlicher Methoden anwenden können!
Kommen wir nun zu den 5 CoreKnowledge Grundsätzen:
Grundsatz: Regelmässig belasten
Auch wenn alle Grundsätze gleichgewichtet sind, ohne regelmässige Belastung geht nichts. Nur durch regelmässige Belastung kann der Körper sich langfristig anpassen. Durch eine einmalige Belastung wird es, wenn überhaupt nur zu kurzen Anpassungsreaktionen kommen, die schnell wieder verschwinden (Prinzip: allgemeines Anpassungssyndrom, Reizstufenregel, Homöostase). Darum gibts die Redewendung: Wer rastet, der rostet!
Damit eine Regelmässigkeit gewährleistet werden kann, muss das erstellte Programm zeitlich und energetisch für den Patienten machbar sein. Zudem gilt es die Motivation hochzuhalten, damit eine Regelmässigkeit gewährleistet werden kann. Spass ist dabei einer der besten Förderer der intrinsischen Motivation.
Zeitlich |
plane feste Zeiten, 5 kurze Einheiten sind besser als keine, verknüpfe es mit einer Alltagsroutine (z.B. auf dem Heimweg von der Arbeit)… |
Energetisch |
betrachte Training nicht als zusätzliche Belastung, sondern als Stressabbau, Yoga und Spazierengehen können Teil des Programms sein… |
Motivation |
setzte realistische Ziele, nutze einen Sport der Spass macht, messe Fortschritte… |
Grundsatz: Zielgerichtet planen
Das Therapieziel wurde wie erwähnt schon zusammen bestimmt. Jetzt gilt es die Planung zielgerichtet dafür auszulegen (Prinzip: SAID). Denn ein zielgerichtetes Training spart Zeit und schafft Klarheit, da es dem Kunden eine klare Orientierung gibt. Das Grundziel sollte dabei stets unbewusste Körperkontrolle in Bewegungen (uKiB) lauten. Allein durch dieses Ziel ergibt sich, welche Übungen wir wie lehren werden.
Will der Patient nach einer Knieoperation wieder schmerzfrei (unbewusst) die Treppe runter laufen können, so sollte eine graduelle Steigerung der Belastung hin Hinblick auf die Übung step-down geplant werden. Für komplexe Rückenschmerzpatienten wäre ein Übungsprogramm zum Bücken sinnvoll um die fear-avoidance Glaubenssätze durchbrechen zu können.
Grundsatz: Individuell handeln
Ob wir es wollen oder nicht: Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf denselben Belastungsreiz. Messungen zeigen diese inter-individuellen Unterschiede deutlich. [2]
Das liegt daran, dass der Mensch ein komplexes System ist.
Exkurs:
Kompliziert = schwierig, aber mit Expertenwissen vorhersehbar
Komplex = unvorhersehbar, keine klare Ursache-Wirkung-Beziehung
In das komplexe System spielt dabei Alter, Genetik, Stresslevel, Schlafqualität, Ernährung und viele weitere Faktoren eine Rolle (Prinzip Individualität). Deshalb ist ein individuelles Vorgehen essenziell. Und was einmal bei einem Patienten geklappt hat, muss zu späterem Zeitpunkt nicht nochmals genauso funktionieren.
Grundsatz: Intensität anpassen
Wer kennt es nicht? Höher, schneller weiter. Die Intensität steigern, um «besser» zu werden. Dabei ist die Intensität stets dem aktuellen IST-Zustand anzupassen (Prinzipien: Reizstufenregel, Individualität). Eine Anpassung muss dabei nicht immer mit einer Steigerung einhergehen. Auch eine Reduzierung der Intensität kann angebracht sein. Das findet zum Beispiel nach einer Verletzung statt oder wenn eine Überlastung vorliegt. Getreu dem Motto: Fordern, aber nicht überfordern!
Grundsatz: Methoden und Übungen abwechseln
Neue Reize setzt man nicht nur mit Steigerung der Intensität! Vielmehr ist eine Variation von Methoden und Übungen entscheidend (Prinzip: Homöostase, Neuroplastizität). Gerade im Rahmen der Rehabilitation, wo es oft um das (Wieder-)Lernen motorischer Fähigkeiten geht, spielt diese Vielfalt eine zentrale Rolle. Die verschieden Kraft Fertigkeiten: Maximalkraft, Kraftausdauer, Schnellkraft oder die Hypertrophie müssen nicht unbedingt getrennt trainiert werden. In den meisten Fällen hast du es nicht mit Spitzensportler zu tun. Und es geht hier um die Rehabilitation nicht um das Leistungstraining! Die Zielgruppe besteht vielmehr aus Menschen, deren Alltag bereits eine gewisse Mischung aus körperlichen Anforderungen beinhaltet. Eine integrative Herangehensweise spiegelt die natürlichen Bewegungsabläufe im Alltag besser wider. Ein Beispiel hierfür ist ein Bauarbeiter, der im Laufe eines Arbeitstages sowohl Maximalkraftleistungen als auch ausdauernde Tätigkeiten erbringen muss. Ähnlich verhält es sich bei alltäglichen Aktivitäten wie Gartenarbeit oder Umzugshilfen, bei denen unterschiedliche Belastungsformen abwechselnd auftreten. Auch beim Spielsportarten wechseln sich Gehen, Joggen und Sprinten ständig ab.
Die Variation von Übungen und Methoden fördert nicht nur die körperliche Anpassungsfähigkeit, sondern auch die Motivation der Patienten. Monotone Trainingspläne können schnell langweilig werden und die Compliance negativ beeinträchtigen.
Geh darum weg vom stupiden 2-3x 10-15 Wdh. Squats [3] hin zu 1 Serie Squats, 1 Serie Bulgarian Split Squats, 1x Split Lunges.
Kombiniert mit unterschiedlicher Methode könnte es wie folgt aussehen:
Für eine weitere Differenzierung sieh unser Artikel Mischmethoden auf coreknowledge.eu.
5 Grundsätze – mehr nicht
Die fünf Grundsätze des Rehabilitationstrainings – Regelmässigkeit, Zielgerichtetheit, Individualität, Anpassung der Intensität und Variation – bilden das Fundament einer erfolgreichen Therapie. Wer diese Grundsätze anwendet, kann seinen Patienten zu jeder Zeit ein effektives, motivierendes und langfristig erfolgreiches Trainingsprogramm zusammenstellen.
Im nächsten Blog werfen wir ein Blick auf das implizite Lernen und wie wir die Selbstwirksamkeit im Training steigern können.
[1] Pareja-Galeano H, Garatachea N, Lucia A. Exercise as a Polypill for Chronic Diseases. Prog Mol Biol Transl Sci. 2015;135:497-526. doi: 10.1016/bs.pmbts.2015.07.019. Epub 2015 Aug 14. PMID: 26477928.
[2] Erskine RM, Jones DA, Williams AG, Stewart CE, Degens H. Inter-individual variability in the adaptation of human muscle specific tension to progressive resistance training. Eur J Appl Physiol. 2010 Dec;110(6):1117-25. doi: 10.1007/s00421-010-1601-9. Epub 2010 Aug 12. PMID: 20703498.
[3] Skou ST, Thorlund JB. A 12-week supervised exercise therapy program for young adults with a meniscal tear: Program development and feasibility study. J Bodyw Mov Ther. 2018 Jul;22(3):786-791. doi: 10.1016/j.jbmt.2017.07.010. Epub 2017 Jul 27. PMID: 30100313.